Die Entstehung der Idee „My Life“ – Krzysztof Wojciechowski im bearbeiteten Interview mit Héloïse Yvon.

Ich heiße Krzysztof Wojciechowski, bin am 18. September 1956 in Warschau geboren und habe dort bis 1991 gelebt. Nach dem Abitur habe ich an der Universität Warschau zunächst Philosophie studiert und anschließend bis 1991 als Assistent, Oberassistent und später als Adjunkt am Institut für Philosophie gearbeitet. 1991 musste ich aus privaten Gründen nach Deutschland übersiedeln und war auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit. Der Zeitpunkt war allerdings ungünstig: Nach der sogenannten Wende, also dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Mauerfall, befanden sich die ostdeutschen Universitäten in einem tiefgreifenden Umbruch. Infolgedessen wurden tausende Sozialwissenschaftler, Philosophen und andere Fachkräfte entlassen und suchten ebenfalls nach Beschäftigung. Ich hatte jedoch großes Glück, denn ich erfuhr, dass an der deutsch-polnischen Grenze in Frankfurt (Oder) eine neue Universität gegründet werden sollte, die als Brücke nach Polen und Osteuropa im europäischen Geist dienen könnte. Ich bewarb mich im Universitätsgründungsbüro und wurde aus über 60 Bewerbern vom damaligen Universitätsbeauftragten der Stadt Frankfurt (Oder), Dr. Jürgen Grünberg, ausgewählt. Dr. Grünberg bot mir eine sogenannte ABM-Stelle an. ABM steht für „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, also eine staatlich geförderte Beschäftigung. In dieser Funktion sollte ich die Koordination der Auslandsbeziehungen der neu entstehenden Universität übernehmen. Selbstverständlich nahm ich dieses Angebot an. Nach etwa zwei Jahren, als sich die Universität bereits zu etablieren begann, wurde ich in die regulären Strukturen übernommen und zum Leiter des Akademischen Auslandsamtes ernannt. In dieser Zeit begann auch die Entwicklung der Idee des Collegium Polonicum. Das Collegium Polonicum aufzubauen und zu organisieren war zunächst nur eine Idee: eine deutsch-polnische Einrichtung mit Sitz in Słubice. Die Rektoren beider Universitäten – Hans N. Weiler und Jerzy Fedorowski – ernannten mich zum Verwaltungsdirektor dieser Institution, obwohl sie damals zunächst nur virtuell existierte. Ich nahm diese Aufgabe dankend an, denn es handelte sich um eine echte Pionierleistung. Es gab keine Präzedenzfälle, keine Vorbilder, keine juristischen Lösungen. Diese Tätigkeit habe ich bis 2022 an der Europa-Universität Viadrina ausgeübt und noch bis 2023 an der Adam-Mickiewicz-Universität – insgesamt also rund 34 Jahre.

Bereits in den 1990er Jahren habe ich begonnen, mich intensiv mit dem Biografischen zu beschäftigen: erstens mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, zweitens mit den technischen Möglichkeiten, Informationen über unser Leben zu speichern, und drittens mit einer bei mir selbst ausgeprägten Neigung, mich stärker für den Lebenslauf eines Denkers zu interessieren als für seine Gedanken. Ich erinnere mich, dass ich, bevor ich begann, philosophische Texte wirklich zu studieren, zunächst wissen wollte, wer der Autor war: wo er aufgewachsen ist, welche Erfahrungen er gemacht hat und wie sein Leben verlaufen ist. Diese biografische Neigung zeigte sich übrigens bereits im jungen Alter. Als Schüler und Student bin Ich viel per Anhalter gereist – durch Europa, Asien und Zentralasien, von Kalkutta bis Glasgow. Der schönste Moment beim Trampen war für mich immer der, wenn der Fahrer oder die Fahrerin begann, aus seinem oder ihrem Leben zu erzählen. Oft habe ich gezielt danach gefragt. Man fährt mehrere Stunden gemeinsam mit einem fremden Menschen und hört seine Geschichte. Diese Erzählungen – oft ganz unspektakulär – haben mich zutiefst fasziniert. Es war, als hielte ein Briefmarkensammler plötzlich eine „Blaue Mauritius“ in der Hand. Ich fühlte mich innerlich bewegt, manchmal regelrecht erschüttert. All diese Erfahrungen verdichteten sich in den 1990er Jahren zu der Überzeugung, dass menschliche Leben festgehalten werden müssen. Es erschien mir wie ein ethischer Skandal, dass wir technisch in der Lage sind, enorme Mengen an Informationen über einen Menschen zu bewahren – über seine Gesundheit, seine finanziellen Angelegenheiten, seine Versicherungen, seine amtlichen Dokumente. Hinzu kommen Fotos und andere persönliche Aufzeichnungen – Millionen, wenn nicht Milliarden von Daten. Und dann stirbt dieser Mensch – und auf seinem Grabstein stehen nur Name, Geburts- und Todesdatum. Man könnte beruhigend behaupten: Die Familie erinnert sich. Aber das stimmt nur bedingt. Ich habe das selbst erlebt. Mein Vater war bereits verstorben, und ich musste mit Schrecken feststellen, wie wenig ich über sein Leben wusste. Zwar hatten wir gelegentlich darüber gesprochen, doch er erzählte immer wieder dieselben wenigen Episoden. Mit der Zeit hatte ich sogar den Eindruck, dass sie stark ausgeschmückt waren. Nach seinem Tod konnte auch meine Mutter – die ihn erst spät geheiratet hatte – kaum etwas ergänzen. Diese Erfahrung, so wenig über das Leben des eigenen Vaters zu wissen – ganz zu schweigen von früheren Generationen –, war für mich äußerst schmerzhaft. Daraus entstand für mich ein starkes ethisches Motiv – alles zu tun um die menschlichen Leben vor Vergessenheit zu retten.

Wenn wir schon über die Motive sprechen, möchte ich auch erläutern, warum ich den Verein gegründet habe. In den 1990er Jahren wuchs in mir zunehmend das Bedürfnis, Biografien und Lebensläufe zu sammeln und sie in einem Archiv zu bewahren. Doch wie so oft ist es mit Ideen: Sie sind schwer umzusetzen. Der erste Schritt ist der schwierigste – und genau dabei half mir ein Zufall. Ich sprach damals mit einem Lehrer meines Sohnes, der ein Gymnasium besuchte, über meine Idee. Er erzählte mir, dass sein Bruder, der in Dresden lebte, eine Gruppe gegründet hatte – eine Art Selbsthilfegruppe von Menschen, die ein großes Problem mit ihren eigenen Lebensgeschichten hatten. Einer dieser Menschen hatte ein besonders eindrückliches Schicksal. Er hatte in der DDR Karriere gemacht und war Direktor eines – ich nenne es bewusst allgemein – humanistischen Instituts geworden. Dann kam die Wende, und alle Personen, die im Bildungswesen, in der Wissenschaft oder im öffentlichen Dienst tätig gewesen waren, wurden im vereinten Deutschland auf eine mögliche Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit überprüft. Dieser Mann wusste, dass es in seiner Studienzeit eine kurze Episode mit der Staatssicherheit gegeben hatte. Er hatte sich gewissermaßen anwerben lassen und arbeitete etwa zwei Jahre lang – nicht besonders intensiv, eher „auf Sparflamme“ – mit ihr zusammen. 

Dann zog er sich davon zurück. Er hatte keine Lust mehr, konnte und wollte nicht weiter mitmachen. Er beendete den Kontakt und vergaß die Angelegenheit; sie hatte für sein damaliges Leben keine spürbaren Konsequenzen. Später schrieb er seine Habilitationsschrift, erhielt den Professorentitel und wurde schließlich Direktor dieses Instituts. Er wusste, dass in diesem Institut mit etwa 70 Mitarbeitern viele mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hatten oder dazu gezwungen gewesen waren. So war die Realität in der DDR – man hatte oft kaum eine Wahl. Nach der Wende entschloss er sich, offen und ehrlich zu sein. Er wandte sich von sich aus an das zuständige Ministerium und legte diese Episode aus seiner Studienzeit dar. Dabei muss man betonen, dass die Wahrscheinlichkeit, wegen dieser kurzen und eher unbedeutenden Phase bestraft zu werden, äußerst gering war – praktisch gleich null. Er hatte keine Verpflichtung als inoffizieller Mitarbeiter unterschrieben und auch keine systematische Zusammenarbeit geleistet. Vielmehr hatte er lediglich eine Zeit lang Gespräche mit einen Vertreter der Stasi geführt und dabei gelegentlich Einschätzungen zur jeweiligen Situation abgegeben. Viele andere Mitarbeiter seines Institutes (darüber war er sich absolut sicher) hingegen hatten deutlich intensiver mit der Staatssicherheit kooperiert – und schwiegen darüber. Sie verschwiegen ihre Vergangenheit und äußerten sich nicht dazu. Er erklärte jedoch, dass er – gerade weil er ehrlich sein wolle – eine klare Trennung zwischen einer möglichen politischen Verstrickung in der DDR und seiner fachlichen Kompetenz vornehmen möchte. Er sei bereit, auf seinem Posten zu bleiben, sich einer erneuten wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen, seine Habilitation von unabhängigen, auch westlichen Gutachtern bewerten zu lassen und sich gegebenenfalls erneut um die Position des Direktors zu bewerben. Und was geschah? Ausgerechnet er wurde als Einziger aus dem Institut entlassen. Das bedeutet: Der einzige Mensch, der ehrlich war und die Bereitschaft zu einem moralischen Neuanfang zeigte, verlor seine Stelle. Viele andere hingegen, die deutlich stärker belastet waren und ihre Vergangenheit verschwiegen, konnten weiterarbeiten. Da sich in meinem eigenen Freundeskreis in Polen Ähnliches ereignete, hat mich diese Geschichte tief beeindruckt und stark berührt. 

Der besagte Wissenschaftler schaute sich auch in seinem Umfeld um und stellte fest, dass viele andere durch die Wende auf sehr ungerechte Weise benachteiligt worden waren. Zugleich bemerkte er, dass bei ihnen ein starkes Bedürfnis bestand, ihre Geschichten zu erzählen – gewissermaßen eine Form von Katharsis zu erleben. Daraufhin gründete er eine Selbsthilfegruppe. Die Teilnehmer begannen, sich regelmäßig zu treffen und – wie er es ausdrückte – in einem geschützten Raum ihre Geschichten zu erzählen und diese therapeutische Arbeit fortzuführen. Diese Idee gefiel mir sehr. Ich dachte: so könnte auch ich meine Idee umsetzen. Außerdem erzählte er mir von einem Journalisten in Dresden, der Lebensgeschichten aufzeichnete – thematisch geordnet, etwa von Vertriebenen aus Schlesien oder aus anderen ehemaligen deutschen Gebieten, die nach Dresden gekommen waren. Er speicherte diese Erzählungen auf CDs als Audiodokumente und stellte sie Archiven zur Verfügung. Er arbeitete dabei auch kommerziell: Wenn jemand seine Lebensgeschichte für Kinder oder Enkel festhalten wollte, kam er zu dieser Person und zeichnete sie gegen Bezahlung auf. Ich nahm Kontakt zu diesem Journalisten auf, und er sagte mir, dass wir unbedingt einen Verein gründen müssten, um dieser Idee des Sammelns und Erzählens von Lebensgeschichten einen institutionellen Rahmen zu geben. Diesen Verein habe ich hier in Frankfurt (Oder) 2004 gegründet – mit dem Ziel, Menschen zu helfen, von denen ich wusste, dass sie sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite der Grenze vielfach traumatische Erfahrungen gemacht hatten.

 In Ostdeutschland bestand das zentrale Problem für viele im Verschwinden der DDR. Mit diesem Staat hatten sich die meisten identifiziert – es war ihr Staat, für den sie gearbeitet und ihr Bestes gegeben hatten. Natürlich gab es auch Menschen, die unter diesem System gelitten hatten, ungerecht behandelt wurden oder sogar im Gefängnis saßen. Dennoch hatten viele das Bedürfnis nach einer Art Therapie, nach Katharsis, nach Rechtfertigung oder einfach danach, ihre Erfahrungen offen auszusprechen.

Auf der polnischen Seite der Grenzregion – und in gewisser Weise auch auf der deutschen – spielte die Erfahrung von Vertreibung und Umsiedlung eine zentrale Rolle. Es lebten hier in den 90. Jahren Menschen, die ursprünglich aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammten – aus Ostpreußen, Schlesien oder Pommern – und nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Familien vertrieben wurden und sich hier ein neues Leben aufbauen mussten. Ähnlich erging es vielen Polen: Sie wurden aus den östlichen Gebieten Polens umgesiedelt, die nach dem Krieg in die Sowjetunion eingegliedert worden waren. Auch sie mussten hier neu anfangen – in einer fremden Umgebung, ohne gewachsene Wurzeln, ohne eine gefestigte lokale Identität. Es handelte sich um Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen. Sie hatten keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsame Sprache oder Mundart. Sie sprachen verschiedene ostpolnische Dialekte, hatten keine gemeinsamen Sitten und Bräuche, keine Trachten, keine Lieder – nichts, was sie kulturell miteinander verbunden hätte. Ihre gemeinsame Geschichte begann gewissermaßen erst in den Jahren 1945 oder 1946, also nach dem Zweiten Weltkrieg. Lange Zeit fühlten sie sich hier fremd. Viele lebten in der Vorstellung, dass die Deutschen eines Tages zurückkehren könnten und sie erneut weiterziehen müssten. In gewisser Weise waren sie also Migranten im eigenen Land.

In dieser Zeit erlebte ich etwas sehr Eigenartiges. Der Verein hat sich bereits etabliert und begann nicht nur Erzählabende „im geschützten Raum“ der Staatsbibliothek zu organisieren, sondern auch individuelle biographische Interviews durchzuführen und die entstandene Biographien in einen Archiv aufzubewahren. Wir nahmen die Lebensgeschichte einer Frau auf, die vor dem Zweiten Weltkrieg auf deutschem Staatsgebiet, nicht weit von Frankfurt (Oder) – etwa 60 oder 70 Kilometer entfernt – geboren worden war. Als junges Mädchen erlebte sie dann das Ende des Krieges, insbesondere das Heranrücken der Roten Armee aus dem Osten. Über die Rote Armee hatte die Propaganda von Joseph Goebbels verbreitet, es handle sich um Bestien, die mordeten, vergewaltigten und plünderten. In der Bevölkerung setzte sich daher vielfach die Vorstellung fest, es sei besser zu sterben, als in die Hände dieser „bolschewistischen Bestien“ zu fallen. Auch in ihrem Dorf kam es zu massenhaften Selbsttötungen. Ganze Familien nahmen sich das Leben. Ihre Mutter hatte fünf Kinder; der Vater und alle anderen Männer waren im Krieg gefallen, verschollen oder anderweitig ums Leben gekommen. Sie war allein mit den Kindern und fasste den Entschluss, auf dem Dachboden ihres Hauses die ganze Familie zu erhängen. Sie legte den Strick für die fünf Kinder an, stellte eine Bank darunter und bereitete schließlich auch alles für sich selbst vor. Dann wurde die Bank weggestoßen, und alle hingen in den Schlingen. Dieses kleine Mädchen jedoch konnte sich als Einzige mit dem Fuß an etwas abstützen – an einem Sack oder einem ähnlichen Gegenstand – und so eine Zeit lang überleben. In diesem Moment platzte ein russischer Soldat herein, sah die ganze Szene und holte sie aus der Schlinge. Es folgten noch weitere schreckliche Ereignisse, doch letztlich wurde sie gerettet. Ihre gesamte Familie jedoch kam ums Leben. Sie war die Einzige, die überlebte. Auch im Dorf insgesamt gab es viele Opfer – in manchen Orten begingen bis zu 70 Prozent der Bewohner Selbstmord. Über diese Geschichte wurde später auch ein Artikel geschrieben, und zwar von einem polnischen Journalisten – seinen Namen habe ich leider vergessen. Bei den Kontakten sowie bei Übersetzungen und Interviews wurde er von einer Studentin aus Słubice unterstützt. Dann kam diese Studentin zu mir und sagte: „Wissen Sie was? Ich würde mich freuen, wenn Sie uns – also dem Journalisten und mir – helfen könnten, einen Film darüber zu machen.“ Ich antwortete: „Ja, aber wie könnte ich dabei helfen? Ich bin Direktor einer universitären Einrichtung und verfüge nicht über Mittel für Filmproduktionen.“ Kurz darauf sprach mich ein polnischer Student an, der eigentlich wegen einer ganz anderen Angelegenheit zu mir gekommen war. Im Gespräch erzählte er von seinem Vater, der in Katowice als Filmemacher tätig war. Da kam mir der Gedanke: Vielleicht könnte sein Vater diesen Film realisieren. Kurz gesagt: Genau so kam es. Sein Vater übernahm das Projekt, drehte den Film, und dieser wurde schließlich sowohl im polnischen als auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Ja, ich habe diesen Film gesehen. In diesem Film sieht man Polen, die heute in diesem Dorf leben und diese Geschichte hören – und sie weinen. Sie weinen, wenn sie erfahren, was die Deutschen erlebt haben, die dort vor ihnen gelebt haben. Das hat mich sehr tief berührt. Ich kannte die deutsch-polnischen Diskussionen sehr gut und wusste, dass es darin bestimmte Punkte gibt, an denen Verständigung kaum möglich ist. Wenn etwa eine Polin und eine Deutsche an einem Tisch sitzen und über Themen wie Klimawandel oder Wirtschaft sprechen, können sie sich in der Regel verständigen und vielleicht sogar einen gemeinsamen Nenner finden. Doch wenn es beispielsweise um das Thema Vertreibung geht, wird eine tiefere Verständigung oft schwierig. Die Deutschen sagen: Die Vertreibung war schrecklich, sie war für uns eine traumatische und ungerechte Erfahrung. Und die Polen sagen dann: „Moment – ihr seid doch selbst schuld. Ihr habt den Zweiten Weltkrieg begonnen, Millionen von Opfern verursacht. Für uns war dieser Krieg eine ungeheure Ungerechtigkeit und ein schreckliches Erlebnis. Worüber beklagt ihr euch also eigentlich?“ Oft endet ein solches Gespräch damit, dass beide Seiten aufstehen und auseinandergehen. Doch in dem Moment, in dem eine Lebensgeschichte erzählt wird, geschieht etwas anderes. Wenn man dem anderen das Erlebte anschaulich und konkret vermittelt, wird ein anderer Mechanismus aktiviert als bei einer rein intellektuellen Analyse: nämlich Empathie. Diese Fähigkeit ist jedem Menschen gegeben – sie ermöglicht es, sich in die Gefühle des anderen hineinzuversetzen. Und dann dachte ich mir: Diese Empathie ist das Entscheidende für dieses Projekt. Sie ist es, die helfen kann, Brücken zu bauen – zwischen Nationen, zwischen Deutschen und Polen, zwischen Generationen, zwischen Alten und Jungen, zwischen sozialen Gruppen, zwischen Tätern und Opfern auf deutscher Seite und letztlich auch zwischen den Menschen und ihrer sozialen, historischen und regionalen Identität. Damit, so glaubte ich, hatten wir gewissermaßen das Programm für den Verein. Nun mussten wir nur noch beginnen. Aber wie? Bevor ich Ihnen erzähle, welche Biografien mich besonders bewegt haben, muss ich hinzufügen: Im ersten Jahr hatten wir keine einzige Biografie. Wir wussten schlicht nicht, wie wir anfangen sollten. Sollten wir auf die Straße gehen und jemanden ansprechen: „Entschuldigung, möchten Sie uns Ihr Leben erzählen?“ – das wäre doch absurd gewesen. Außerdem sagten viele meiner Bekannten: „Dein Projekt ist zwar schön konzipiert, aber praktisch nicht umsetzbar. Die Menschen werden nicht bereit sein, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Und wenn sie es tun, dann erzählen sie ohnehin nur Unwahrheiten.“ Welches war das erste Interview – das ist eine interessante Frage, denn ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern. Ich weiß noch, dass ich eine Anzeige in der Zeitung aufgegeben habe, in der wir dazu aufriefen, Biografien zu sammeln. Doch es meldete sich niemand. Irgendwann – auf einem anderen Weg, den ich heute nicht mehr genau rekonstruieren kann – kam dann schließlich doch ein Mensch zu uns, der bereit war, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Wir haben dieses erste Interview aufgezeichnet, doch ich kann mich heute weder daran erinnern, was aus dieser Biografie geworden ist, noch wie die Person hieß. Die erste Biografie, die tatsächlich in unserem Archiv dokumentiert ist, stammt von Herrn Miklay. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir jedoch bereits ein konkretes Projekt. Wir wollten Menschen befragen, die zu Beginn ihres Lebens eine stark ablehnende Haltung gegenüber dem jeweiligen Nachbarvolk hatten und diese Einstellung im Laufe der Zeit verändert haben – sodass aus Distanz und Ablehnung schließlich Freundschaft entstand. Also Deutsche, die Freunde von Polen wurden, und Polen, die Freunde von Deutschen wurden. Dieses Projekt nannten wir „Aus Fremden wurden Freunde“, denn die deutsche Seite wollte die Formulierung „Aus Feinden wurden Freunde“ nicht verwenden. Das war gewissermaßen politische Korrektheit auf deutscher Seite: „Nein, nein, wir waren nie Feinde der Polen.“ Nun gut – also nannten wir das Projekt „Aus Fremden wurden Freunde“. Die erste Biografie in diesem Zusammenhang war die von Herrn Miklay, der später auch unserem Verein beitrat. Er lebt inzwischen leider nicht mehr. In der Folge kam es im Verein zu Auseinandersetzungen zwischen der Dresdner und der Frankfurter Gruppe. Die Dresdner vertraten die Auffassung, man solle sich auf Audiomaterial konzentrieren. Ich hingegen war der Meinung, dass wir uns auf schriftliche Dokumente konzentrieren sollten, da Tonaufnahmen nach einigen Jahrzehnten möglicherweise nicht mehr zugänglich oder technisch abspielbar sein würden. Wie sich später zeigte, war diese Einschätzung nicht ganz unbegründet: Heute befindet sich eines der ersten Aufnahmegeräte, die wir verwendet haben, in einer Art Museum in Potsdam – als Ausstellungsstück, nicht mehr als funktionierendes Arbeitsgerät. Sowohl die Tonträger selbst – also die aufgezeichneten Gespräche – als auch die Geräte, auf denen sie gespeichert waren, sind heute technisch veraltet und kaum noch brauchbar. Deshalb vertrat ich die Auffassung, dass wir die Biografien schriftlich festhalten sollten: auf Papier gedruckt, möglichst in Schwarz-Weiß, damit die Inhalte nicht so schnell verblassen, und anschließend gebunden, damit sie dauerhaft erhalten bleiben. Dabei ging es mir nicht um eine einfache Klebebindung, die zwar günstiger ist, aber auf Dauer nicht hält, sondern um eine solide Fadenheftung – also eine Bindung, bei der die Seiten miteinander vernäht werden. Danach erhält das Ganze einen festen Einband aus Karton, idealerweise mit einem Überzug aus Kunstleder. Wir beschlossen außerdem, dass diese Biografien nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich ansprechend gestaltet sein sollten. Von jeder Biografie wollten wir mindestens zwei Exemplare anfertigen: eines für unser Archiv. Wir wollten diese Lebensgeschichten für die Nachkommen bewahren, damit auch in zwei- oder dreihundert Jahren noch nachvollziehbar ist, wovon die heute lebenden Menschen geträumt haben, wovor sie Angst hatten und wie sie ihr Leben gesehen haben. Ein zweites Exemplar sollte jeweils dem Erzählenden selbst gehören, damit er diese Geschichte an seine Familie weitergeben kann und damit sie zugleich eine gewisse Aufwertung seiner eigenen Lebensleistung darstellt.

Wir hatten also diese grundlegende Idee, diese Art von „Ideologie“, und wir hatten bereits die ersten Schritte unternommen. Inzwischen verfügen wir über etwa 500 solcher sorgfältig gestalteten, umfassenden Biografien. Darüber hinaus haben wir eine – wenn auch nur zeitlich begrenzte – Zusammenarbeit mit der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza aufgenommen. Diese Kooperation bestand darin, dass uns Zugang zu einer Rubrik gewährt wurde, in der Menschen gelegentlich Nachrufe auf ihre Vorfahren oder auf andere verstorbene Personen veröffentlichen konnten. In diesen Texten wurde beschrieben, wer diese Menschen waren, wo sie gelebt hatten und welche Rolle sie in ihrem Umfeld gespielt hatten. Also gewissermaßen etwas Ähnliches wie unser Projekt, allerdings in einer stark reduzierten Form. Im Gegenzug haben wir empfohlen, die Gazeta Wyborcza auch für diejenigen zu nutzen, die nicht ihre gesamte Lebensgeschichte erzählen wollten, sondern nur einen kürzeren Text verfassen konnten. Auf diese Weise sind zusätzlich fast 800 solcher Kurzbiografien entstanden, die wir in unser Archiv aufgenommen haben.

Noch zurück zur Frage, welche Biografien mich besonders bewegt haben. Das sind natürlich vor allem jene, in denen Menschen gelitten haben. Das menschliche Gehirn braucht zwar Sauerstoff, Wasser und Zucker als Energieträger, doch es braucht auch Informationen – und ist bereit, viel zu tun, um diese Informationen aufzunehmen und weiterzugeben. Dabei sind es paradoxerweise oft die negativen Informationen, die als besonders bedeutsam und eindrücklich wahrgenommen werden. Das ist gewissermaßen durch die Evolution so geprägt worden. Lebewesen, die stärker darauf geachtet haben, wo Gefahren lauern – was bedrohlich, schrecklich oder giftig ist –, hatten größere Chancen, zu überleben und ihre Gene weiterzugeben als diejenigen, die sich ausschließlich auf positive Eindrücke konzentrierten. Insofern sind es oft gerade die Lebensgeschichten, in denen Menschen leiden, die besonders eindrücklich und fesselnd sind. Und ich habe einige solcher Geschichten im Kopf. Eine davon ist besonders erschütternd: die Geschichte eines Mannes, eines Polen, der in der heutigen Ukraine geboren wurde – damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, war dieses Gebiet noch Teil Polens. Er lebte in einer kleinen Stadt am Rande dieser Region. Sein Elternhaus grenzte direkt an einen Friedhof. Als die Deutschen – also die Wehrmacht – dieses Gebiet besetzten, kam es zu sogenannten „Säuberungsaktionen“, das heißt zu massenhaften Ermordungen von Juden vor Ort, noch bevor der Holocaust in seiner späteren, industriell organisierten Form begann. Diese Verbrechen wurden von sogenannten Sonderkommandos begangen – Gruppen, die aus Soldaten, Polizisten, Freiwilligen und auch Kollaborateuren bestanden. Sie führten die jüdische Bevölkerung an bestimmte Orte und erschossen sie dort. In diesem konkreten Fall, in dieser kleinen Stadt, war es der städtische Friedhof. Dort wurden zunächst einige Juden gezwungen, die Gräber auszuheben. Anschließend führte man weitere Menschen an diese Gruben heran und tötete sie durch Kopfschüsse. Der Protagonist der Biographie war damals ein Teenager. Seine Eltern hatten ihm, als sie merkten, dass draußen etwas Ungewöhnliches geschah, streng verboten, hinauszugehen. Doch er ging auf den Dachboden, holte sich eine Kiste, stellte sich darauf und schaute durch ein Fenster in Richtung Friedhof. Von dort aus konnte er alles sehen. Er sah die erste große Gruppe von Juden, die dorthin gebracht wurde. Dann bemerkte er einen Offizier, der auf einen Grabstein stieg und etwas zu den Menschen sagte. In diesem Moment erhob sich aus der Menge ein lautes, verzweifeltes Rufen – ein vielstimmiges „Nein, nein, nein…“. Und dann begann das Morden. Dieses Morden wiederholte sich über Tage hinweg, denn auf diese Weise wurden die Menschen gewissermaßen schrittweise getötet. Wie viele Tausend dort ums Leben kamen, wusste er nicht. Er erinnerte sich jedoch daran, dass es für die Täter eine schwere, körperlich anstrengende Arbeit war. Immer wieder klopften Angehörige der SS oder anderer Einheiten an die Tür und baten: „Entschuldigen Sie, könnten wir ein Glas Wasser bekommen? Es ist so heiß, und wir sind so erschöpft.“ Seine Mutter gab ihnen Wasser – und er beobachtete all das. Später, als die Russen kamen veränderte sich die Situation. Nach etwa zwei Jahren schloss er sich der polnischen Armee an, die gemeinsam mit den Russen kämpfte. Bereits als junger Soldat zog er mit der Armee weiter, bis in die Gegend von Berlin. Doch die Erlebnisse aus seiner Kindheit ließen ihn nie los. Er begann, Tagebücher über diese Ereignisse zu schreiben – insgesamt 17 dicke Hefte. Er berichtete, dass er fast jede Nacht, sein ganzes weiteres Leben lang, davon geträumt habe: Entweder sah er sich selbst als Jude, der von SS-Leuten erschossen wird, oder als SS-Mann, der auf Juden schießt. 

Diese Biografie ist jedoch noch aus einem anderen Grund besonders interessant, weil sie die Frage berührt, ob Menschen in ihren biografischen Erzählungen die Wahrheit sagen oder ob sie Dinge beschönigen oder verschweigen. An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie Menschen mit sehr unangenehmen, ja beschämenden Fragmenten ihrer eigenen Lebensgeschichte umgehen. Dieser Mann wurde später Soldat, ein junger Soldat, und kam mit der Armee am Ende des 2. Weltkrieges bis in die Nähe von Berlin. Danach blieb er im Militär und erhielt eine bestimmte Aufgabe. Über diesen Abschnitt seines Lebens sagte er selbst: „Mein weiteres Leben war eigentlich uninteressant. Ich habe jeden Tag acht Stunden in einem fensterlosen Raum verbracht und mich mit Fernmeldetechnik beschäftigt.“ Was bedeutete das konkret? In Wirklichkeit hat er sich mit dem Anhören der Telefongespräche beschäftigt. Die Armee nutzte seine Deutschkenntnisse, und es gab ein ganzes System von Überwachung und Informationsgewinnung, in dem auch solche Tätigkeiten eine Rolle spielten. Die Armee verfügte über zivile Strukturen, staatliche Dienste hatten ihre Informanten und so weiter. In diesem Zusammenhang kann man sich also gut vorstellen, was es bedeutet, wenn jemand 25 Jahre lang täglich acht Stunden in einem dunklen, fensterlosen Raum sitzt und als Fernmeldetechniker arbeitet. Er hat das nicht ausdrücklich so formuliert: „Ich habe Menschen ausspioniert.“ Aber er hat auch nicht gelogen. Er hat nicht etwa behauptet, er habe später Schuhe in einem Laden verkauft oder etwas völlig anderes getan. Stattdessen blieb er bei seiner Beschreibung, ohne sie weiter auszudeuten. Daran sieht man, wie Menschen in ihren Erzählungen mit problematischen oder belastenden Abschnitten ihres Lebens umgehen: Sie versuchen, das Schwierige zu umkreisen, es nicht direkt auszusprechen – und dennoch so zu formulieren, dass ein aufmerksamer Zuhörer oder Leser die eigentliche Bedeutung erkennen kann. Ich habe auch Situationen erlebt, in denen Gesprächspartner über Dinge sprachen, über die sie zuvor nie gesprochen hatten. Manchmal nahm das fast den Charakter einer Beichte an. Ich habe auch erlebt, dass Menschen in solchen Situationen zunächst in Richtung Selbstkritik gehen, sich dann aber wieder zurückziehen und zu einer Form der Rechtfertigung übergehen. Das ist menschlich – ganz einfach menschlich. Mit bewussten Lügen oder völlig erfundenen Geschichten wurde ich jedoch nie konfrontiert, obwohl ich Hunderte solcher Gespräche geführt habe. Ein weiteres Beispiel – diesmal von deutscher Seite: Es handelt sich um die Biografie eines Mannes, der durch reinen Zufall in der DDR verhaftet wurde. Er gehörte zu einer Randgruppe der ostdeutschen Gesellschaft, nämlich zu praktizierenden Christen protestantischer Prägung, die sich in gewisser Weise für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg mitverantwortlich fühlten – eine Haltung, die in der DDR eher selten war. Die Staatsdoktrin lautete, dass die Deutsche Demokratische Republik das Erbe aller fortschrittlichen und humanistischen Traditionen des deutschen Volkes verkörpere – also der Aufklärung, der Arbeiterbewegung, des Humanismus und ähnlicher Strömungen. Das gesamte „Übel“ hingegen, also Militarismus, Faschismus und dergleichen, wurde der Bundesrepublik zugeschrieben. Dort, auf der anderen Seite der Grenze, sei das Böse – während man sich selbst als die Guten verstand. Er jedoch gehörte zu den wenigen, die sagten: So einfach ist es nicht. Wir sind nicht automatisch die Guten – wir müssen selbst etwas tun. Und genau das taten sie im Rahmen der sogenannten Aktion Sühnezeichen. Dabei handelte es sich um eine Initiative, in der junge Menschen aus Deutschland – sowohl aus der Bundesrepublik als auch aus der DDR, meist aus kirchlichen Kreisen – praktische Arbeit leisteten, etwa in Polen oder anderen osteuropäischen Ländern. Diese Arbeit sollte zeigen, dass sie sich der deutschen Schuld bewusst waren und um Verzeihung bitten wollten. In diesem konkreten Fall fuhr eine kleine Gruppe junger Menschen nach Auschwitz und arbeitete dort – ich weiß nicht mehr genau, was sie im Einzelnen taten, aber sie pflegten das Gelände, strichen, bauten oder verrichteten andere praktische Arbeiten. Dieser Mann selbst lebte in der DDR eher unpolitisch und engagierte sich nicht offen politisch, bewegte sich jedoch in diesen kirchlichen Kreisen. Gerade solche Kreise standen im Fokus der Staatssicherheit. Einer seiner Bekannten wollte aus der DDR fliehen – wie man damals sagte: „Republikflucht begehen“ – wurde jedoch an der Grenze gefasst. In seinem Notizbuch fand man die Telefonnummer unseres Mannes. Daraufhin wurde auch er verhaftet. Man fragte ihn: „Haben Sie zur Republikflucht beigetragen?“ Er antwortete: „Nein, ich wusste nichts davon.“ Dennoch wurde er festgenommen und ins Gefängnis gebracht. Dort machte er Erfahrungen mit Vorgehensweisen, die bis heute in vielen Teilen der Welt durch Geheimdienste praktiziert werden – Methoden, wie sie einst von der Gestapo angewandt wurden, später von der Staatssicherheit in der DDR und auch von anderen Geheimdiensten. Auch im Zusammenhang mit aktuellen Konflikten, etwa dem Krieg in der Ukraine, hört man immer wieder von ähnlichen Praktiken. Dann erlebte er die sogenannten „100 Tage“ – eine Form der Isolationshaft, in der man keine menschliche Stimme hört. Das bedeutet: Man sitzt allein in einer Zelle, die ständig überwacht wird. In der Nacht wird beispielsweise alle halbe Stunde das Licht eingeschaltet, ein kleines Fenster öffnet sich, jemand schaut hinein, schließt es wieder und das Licht geht aus – aber kein Wort wird gesprochen. Durch eine andere Öffnung wird Essen hereingereicht, eine Suppe zum Mittag oder Abend – doch auch dabei spricht niemand. Man versucht zu rufen, bittet um etwas, sagt, dass es einem schlecht geht oder dass man mit den Eltern sprechen möchte – aber es kommt keine Antwort. Kein einziges Wort. Und das über 100 Tage hinweg. Und das – so heißt es – bringt das Gehirn, über dessen grundlegendes Bedürfnis nach Kommunikation wir bereits gesprochen haben, in einen besonderen Zustand. Das Gehirn will Informationen mit anderen Gehirnen austauschen. Wird ihm das über längere Zeit vollständig verwehrt, gerät es in eine Lage, in der der Mensch bereit ist, alles zu sagen – nur um wieder sprechen zu können. Das bedeutet: Man ist bereit, andere zu verraten, sich selbst zu belasten, sogar Verbrechen zu gestehen, die man nie begangen hat. Nach dieser Phase wurde er verhört. Auch die Verhörmethoden waren charakteristisch. Zum Beispiel das klassische grelle Licht direkt ins Gesicht. Man musste auf einem Hocker sitzen, durfte sich nicht anlehnen oder die Position verändern, sondern musste die Hände unter die Oberschenkel legen und regungslos verharren. Oft saß man so stundenlang. Man war völlig erschöpft, wollte nur schlafen – doch Schlaf war nicht erlaubt. Es handelte sich um eine Form von Folter, die keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Er sollte dann seine Freunde und Bekannten belasten, sie gewissermaßen beschuldigen – doch er sagte nichts Wesentliches. Daraufhin versuchte man, ihn mit Chemikalien, also mit Medikamenten oder Drogen, zu beeinflussen. Ein Arzt kam zu ihm und sagte: „Es geht Ihnen nicht gut, Sie haben diese oder jene Beschwerden. Hier sind ein paar Tabletten zur Stärkung Ihres Organismus.“ Er wusste jedoch, dass diese Tabletten ihn gefügig machen oder betäuben sollten. Deshalb nahm er sie nicht ein, sondern entsorgte sie – ich weiß nicht mehr genau, wie, aber er schaffte es, sie loszuwerden. Nach etwa sechs oder sieben Monaten – wenn ich mich richtig erinnere – wurde er schließlich entlassen. Man muss sich das vorstellen: Ein Mensch sitzt ein halbes Jahr lang unter schwersten Bedingungen im Gefängnis – und wird dann einfach freigelassen. Allerdings musste er zuvor unterschreiben, dass er mit niemandem über das Erlebte sprechen würde. Und stellen Sie sich vor: Die Atmosphäre in der DDR war so, dass er tatsächlich niemandem davon erzählt hat – nicht einmal seiner späteren Ehefrau. Erst nach der Wende begann er, über diese Geschichte zu sprechen, und mir gegenüber hat er sie zum ersten Mal in ihrer ganzen Ausführlichkeit geschildert. Für mich ist das ein eindrucksvoller Beweis dafür, was Totalitarismus bedeutet und was er mit einem Menschen machen kann. Es zeigt, dass es nicht immer physische Gewalt braucht, um einen Menschen zu brechen. Und es macht deutlich, dass die Reichweite eines solchen Systems weit über den unmittelbaren politischen oder machtbezogenen Einfluss hinausgeht.

Nun ja, an solche Biografien denke ich oft. Sie haben meine Sicht auf die Welt grundlegend verändert. Wenn ich heute beispielsweise Nationalisten höre, die von „unserem Volk“, „unserer Nation“ und Ähnlichem sprechen, dann kann ich darüber nur schmunzeln. Denn ich weiß, dass individuelle menschliche Schicksale kaum etwas mit solchen großen Konstruktionen wie Nation oder Geschichte zu tun haben. Vieles ist Zufall. Ich sage oft: Wir sind wie kleine Blätter, die auf den Wellen eines Ozeans hin und her getrieben werden. Unser Einfluss ist gering – und oft entscheidet der Zufall über den Verlauf unseres Lebens. Das ist, so glaube ich, die wesentlichste Wahrheit über den Menschen. Nicht etwa Parolen wie „Make America great again“ oder ähnliches – wir beherrschen die Welt, wir bestimmen alles. Nein. Aus diesen Lebensgeschichten lernt man vielmehr etwas ganz anderes: Demut. Die Fähigkeit, sich selbst kleiner zu sehen, sich weniger auf die Größe der eigenen Nation zu konzentrieren und stattdessen auf das Wohlergehen eines Individuums. Es geht nicht um territoriale Expansion, nicht um militärische Stärke oder Machtprojektion, sondern um das konkrete Leben der einzelnen Menschen. Genau darin liegt, so denke ich, das humanistische Fundament dieses biografischen Schreibens.

Sie haben mich gefragt, wie ich ein Interview vorbereite und ob ich mich dann von den Geschichten distanzieren kann… Das ist eine sehr spannende Frage. Ich bereite die Interviews auf eine bestimmte Weise vor, und diese Vorbereitung vermittle ich auch anderen, denn ich kann unmöglich alle Lebensgeschichten selbst sammeln. Inzwischen haben wir etwa 400 Interviews durchgeführt. Jede einzelne Geschichte erfordert einen erheblichen Arbeitsaufwand. Daneben haben wir auch andere Formate entwickelt, zum Beispiel Erzählabende – aber dazu komme ich später noch. Bis eine Lebensgeschichte in der Form vorliegt, wie wir sie anstreben – also als sorgfältig gestaltetes, in Kunstleder gebundenes Album im Archiv –, sind etwa 70 bis 80 Arbeitsstunden notwendig. So war es jedenfalls in den letzten 20 Jahren. Wenn man jedoch – so wie ich – eine Vollzeitstelle hat, etwa als Leiter einer Einrichtung, und sich dort mit allem Möglichen befassen muss, mit Rechnungen, Studiengängen, sogar mit so banalen Dingen wie Toilettenpapier, aber auch mit Öffentlichkeitsarbeit, dann bleibt dafür nur begrenzt Zeit. 70 oder 80 Stunden entsprechen ungefähr zwei Arbeitswochen bei acht Stunden pro Tag. Wer kann sich das schon leisten? Hätte ich tatsächlich versucht, 500 Lebensgeschichten allein zu erarbeiten, hätte ich in all den Jahren entweder meiner eigentlichen Arbeit nicht nachgehen können oder kein Familienleben führen dürfen. Deshalb mache ich das gemeinsam mit anderen Menschen. Viele sind daran beteiligt: Vereinsmitglieder, Praktikanten, Volontäre und weitere Mitwirkende. Eine ganze Gruppe von Menschen war und ist mit dem Verein verbunden. Einige von ihnen haben später auch berufliche Karrieren gemacht – vielleicht nicht direkt dank des Vereins, aber doch in einem gewissen Zusammenhang damit. So hat zum Beispiel die heutige Bürgermeisterin von Słubice als Projektteilnehmerin begonnen und an den ersten Lebensgeschichten, an den ersten Biografien mitgearbeitet.

Die Vorbereitung eines solchen Interviews beginnt zunächst mit der Auswahl einer geeigneten Person. Heute haben wir mehr Kandidaten, als wir – anders als am Anfang – überhaupt „bearbeiten“ können. Diese Personen melden sich entweder selbst, werden von anderen vorgeschlagen oder von uns gezielt angesprochen. Es gibt also ganz unterschiedliche Zugangswege. Dann muss man die Person ansprechen und sie für diese Idee gewinnen. Anschließend führt man ein Vorbereitungsgespräch mit ihr. Dabei gilt es, gewissermaßen drei Hürden zu überwinden.

Die erste Hürde besteht darin, den Menschen davon zu überzeugen, dass seine Lebensgeschichte wertvoll ist. Die meisten reagieren zunächst mit der Frage: „Warum wollen Sie gerade mit mir ein biografisches Interview führen? Ich bin doch ein ganz normaler Mensch, ich habe nichts Besonderes erlebt.“ Viele haben das Gefühl, dadurch ungerechtfertigt aufgewertet zu werden. Man muss also vermitteln, dass jede Lebensgeschichte faszinierend ist. Jede Lebensgeschichte ist ein Dokument ihrer Zeit – und sie kann für die nächsten Generationen, für Kinder und Enkel, von großem Wert sein.

 Die zweite Hürde betrifft die Sorge des Erzählenden, bewertet oder kritisiert zu werden. Viele haben Angst, dass ich oder die Person, die das Interview führt, ihr Leben beurteilen oder in irgendeiner Weise mit ihrem Selbstwertgefühl spielen könnte. Viele haben Angst, sich zu öffnen. Sie denken etwa: „Was ist, wenn ich erzähle, dass ich mich damals gegen ein Studium entschieden habe und stattdessen, als Nachtwächter gearbeitet habe? Wird das nicht bewertet oder belächelt?“ Diese Sorge ist sehr real. Deshalb muss man von Anfang an klarstellen: Wir bewerten nichts. Egal, was Sie erzählen – es wird nicht beurteilt. Unsere Aufgabe besteht lediglich darin, darauf zu achten, dass die Erzählung in sich stimmig ist, dass die einzelnen Fäden der Geschichte konsequent weitergeführt werden und dass sie für die Lesenden oder Hörenden nachvollziehbar bleibt, ohne sie vor unlösbare Rätsel zu stellen.

Die dritte Hürde betrifft die Frage, was mit der Geschichte geschieht. Viele fragen sich: Was wird mit meinen Erinnerungen gemacht? Werden sie vielleicht missbraucht? Könnten sie zum Beispiel an irgendwelche sensationshungrigen Medien oder Plattformen weitergegeben werden, die sie ins Lächerliche ziehen? Diese Sorge muss man ebenfalls ernst nehmen und von Anfang an transparent klären. Und dabei muss man der Person glaubhaft versichern, dass mit ihrer Geschichte nichts geschieht, was sie nicht ausdrücklich erlaubt. Dass sie nicht gegen ihren Willen ins Internet gestellt wird, nicht ohne Zustimmung veröffentlicht oder einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird – weder für Studierende noch für Wissenschaftler oder Journalisten, wenn sie das nicht wünschen. Es gibt tatsächlich einige wenige Fälle – vielleicht zwei, drei oder vier –, in denen jemand seine Lebensgeschichte erzählt hat und anschließend sagte: „Nein, ich möchte nicht, dass das jemand liest. Es soll ausschließlich im Archiv bleiben.“ Und das wird selbstverständlich respektiert.

Darüber hinaus muss man auch organisatorisch die Person vorbereiten, die das Interview durchführt. Man muss ihr zunächst sagen: Erstens sollst du mit deinem Gesprächspartner allein sprechen. Es kann sein, dass dich jemand begleitet – etwa ein Student oder Praktikant –, aber auf keinen Fall sollte jemand aus dem persönlichen Umfeld des Erzählenden dabei sein, also weder Ehepartner noch Kinder oder andere Angehörige. Andernfalls erzählt die Person nicht das, was sie wirklich denkt, sondern eher das, was den Anwesenden gefallen könnte. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Das Gespräch sollte möglichst ohne Familie stattfinden. Zweitens solltest du darauf achten, dass das Interview möglichst in einem Stück durchgeführt wird – selbst dann, wenn die Person alt oder körperlich schwach erscheint. Meine Erfahrung zeigt, dass jede Unterbrechung das Risiko erhöht, dass die Fortsetzung nicht stattfinden wird. Oft sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gespräch später wieder aufgenommen wird, erheblich. Das bedeutet: Wenn wir uns vornehmen, ein Interview in einem einzigen Durchgang zu führen, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch vollständig abgeschlossen wird, nahezu bei 100 Prozent. Wird das Gespräch jedoch unterbrochen, sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich: Für die zweite Hälfte liegt sie vielleicht nur noch bei etwa 50 Prozent, für eine weitere Fortsetzung bei 20 bis 25 Prozent – und so weiter. Deshalb ist es wichtig, im Vorfeld mit der interviewten Person zu vereinbaren, dass sie an diesem Tag keine anderen Verpflichtungen hat: keine Termine, keine Besuche, keine Arzttermine und möglichst auch keine Telefonate. Sie sollte sich für das Gespräch vollständig freihalten.

Dann gibt es natürlich auch technische Aspekte – zum Beispiel die Frage, wie man das Gespräch aufnimmt und welche Geräte man verwendet. Früher haben wir sehr auf die Tonqualität geachtet, weil sie für die spätere Transkription entscheidend war. Wir haben auch die Tonträger selbst gesammelt, also etwa Disketten oder Tonbänder. Heute ist das weniger relevant, da die Aufnahmen digital gespeichert und problemlos übertragen werden können. Dadurch lassen sie sich viel einfacher auf Computern sichern und archivieren. Kurz gesagt: Die technische Seite hat sich deutlich vereinfacht.

Und natürlich folgt auf die Aufnahme die weitere Bearbeitung. Das „manuelle“ Transkribieren eines Interviews (also Abhören vom Band und Eintippen auf der Tastatur) bringt allerdings zwei grundlegende Probleme mit sich. Das eine Problem ist schlicht der enorme Arbeitsaufwand. Eine manuelle Transkription dauert in der Regel drei bis vier Tage bei jeweils etwa acht Stunden Arbeit, denn sie ist äußerst mühsam: Minute für Minute muss man das Gesagte anhören und niederschreiben. Heute scheint es zwar einfacher zu sein, weil es Transkriptionsprogramme gibt. Man lädt die Audioaufnahme in ein solches Programm und erhält automatisch einen Text. Allerdings ist dieser Text meist noch nicht ausreichend präzise und muss anschließend sorgfältig überarbeitet und korrigiert werden. Man versucht heute auch, mit Hilfe künstlicher Intelligenz zu arbeiten. Doch trotz all dieser Fortschritte bleibt es am Ende immer der Mensch, der für die Geschichte Verantwortung übernimmt – jemand, der sie in ihre endgültige Form bringt. Derzeit arbeiten wir daher mit einer Kombination aus beidem: Wir nutzen technische Hilfsmittel, also Software, greifen aber gleichzeitig auf menschliche Arbeit zurück, und die abschließende Redaktion liegt immer bei einer Person.

Unabhängig von diesen technischen Möglichkeiten bleibt zudem ein grundlegendes Dilemma bestehen: das Verhältnis zwischen gesprochener Sprache und literarischer Sprache. Das ist ein sehr weites Feld, über das man leicht eine halbe Stunde sprechen könnte. Wenn Sie möchten, können wir darauf später noch eingehen. An dieser Stelle möchte ich jedoch meine Antwort auf Ihre Frage abschließen: Die Vorbereitung eines solchen Interviews ist sehr umfassend. Bei Menschen, die bereits Erfahrung damit haben, geht sie schneller als bei Anfängern. Insgesamt handelt es sich jedoch um eine sehr arbeitsintensive Tätigkeit. Der Verein ist deshalb stets auf Unterstützung angewiesen – ohne diese Unterstützung könnte er nicht bestehen.

Sie interessierten sich auch für kulturelle Auswirkung des Projektes My life auf das Leben in der Grenzregion, d.h. auf das Verhältnis zwischen den Deutschen und Polen, zwischen den sozialen Gruppen und den Generationen…

Wissen Sie, jede Entwicklung bringt unterschiedliche Aspekte mit sich: Es gibt Dinge, die sich überraschend gut entwickeln, andere verlaufen ungefähr so, wie man es erwartet hat, und wiederum andere scheitern völlig oder bewähren sich nicht.

Ich beginne vielleicht mit dem dritten Punkt. Ich hatte große Hoffnung, dass dieses Projekt zur deutsch-polnischen Verständigung beitragen würde – dass Deutsche polnische Lebensgeschichten hören und Polen deutsche, und dass sie sich dadurch einander annähern. Diese Hoffnung hat sich jedoch als illusionär erwiesen – aus einem ganz einfachen Grund. Die Sprachbarriere ist hier entscheidend. Um eine Lebensgeschichte wirklich zu hören, zu verstehen und vor allem empathisch aufzunehmen, muss man die Sprache der erzählenden Person verstehen – und das gelingt in der Regel nur in der jeweiligen Muttersprache. Konsekutives Dolmetschen, also wenn jemand drei oder vier Sätze sagt und anschließend ein Dolmetscher diese in eine andere Sprache überträgt, zerstört diesen Prozess. Es nimmt der Erzählung ihre Unmittelbarkeit und ihre emotionale Wirkung. In der Zeit, in der der andere in einer unverständlichen Sprache spricht, schweifen die Gedanken ab, man beschäftigt sich innerlich mit etwas anderem. Für sachliche Dinge – etwa bei Verhandlungen darüber, wie viele Paar Schuhe zu welchem Preis verkauft werden – mag das funktionieren. Aber für eine Lebensgeschichte funktioniert es nicht. Es zerstört die Atmosphäre vollständig. In diesem Zusammenhang ist es nahezu unmöglich, echte Nähe und Verständnis zu erreichen. Schon deutlich besser wäre der Einsatz von Simultandolmetschern. Ein guter Simultandolmetscher kann etwa 70 bis 80 Prozent der Inhalte übertragen, die man im direkten Gespräch zwischen Muttersprachlern wahrnimmt. Nicht alles, aber doch einen großen Teil. Allerdings sind Simultandolmetscher selten und sehr teuer. Wenn ein solcher Dolmetscher nur für ein paar Stunden kommt und dafür aus Berlin, Poznań oder Gorzów Wielkopolski anreisen muss, entstehen schnell mehrere Stunden Aufwand: Anreise, Einsatz und Rückreise summieren sich leicht auf vier oder fünf Stunden. Bei längeren Einsätzen arbeiten sie meist zu zweit, weil sie sich abwechseln müssen – die Arbeit ist äußerst anstrengend. Wenn man überhaupt jemanden findet, der allein arbeitet, verlangt er für einen solchen Einsatz etwa 500 bis 600 Euro. Für unseren Verein ist das eine enorme Summe – oft entspricht sie dem gesamten Jahresbudget aus Mitgliedsbeiträgen. Entsprechend ist diese Lösung für uns kaum realisierbar. Das bedeutet, dass letztlich nur die schriftliche Übersetzung bleibt. Doch das erreicht nur einen kleinen Teil der Wirkung, die eine unmittelbar erlebte Erzählung entfalten kann. Die Menschen lesen diese Lebensgeschichten – aber es bleibt ein Fragment dessen, was eigentlich möglich wäre. Kurz gesagt: Von dem, was ich mir ursprünglich erhofft hatte – nämlich eine deutsch-polnische Annäherung, vielleicht sogar Versöhnung durch diese Geschichten –, wird vielleicht nur ein kleiner Teil verwirklicht, vielleicht fünf Prozent.

Was sich hingegen viel stärker als problematisch erwiesen hat, ist die Zahl der Personen, die aktiv im Verein mitarbeiten. Der Verein zählt insgesamt 13 Mitglieder, von denen lediglich zwei, drei oder höchstens vier wirklich aktiv sind. Die übrigen unterstützen die Idee, können aber nur wenig konkret beitragen. Der Unterschied ist folgender: Wenn man etwa an einen Sportverein denkt, zum Beispiel einen Fußballverein, dann sind die Mitglieder meist selbst aktiv oder waren es früher. Sie können also ohne große Vorbereitung am Training teilnehmen, ein wenig mitspielen, den Ball treten und so weiter. In unserem Fall ist das anders. Wer Mitglied im Verein ist, kann ohne entsprechende Vorbereitung keine Biografie transkribieren und nicht einfach zwei Wochen intensive Arbeit investieren. Diese Tätigkeit erfordert Zeit, Geduld und bestimmte Fähigkeiten. Wir hatten allerdings eine Frau im Verein, die gewissermaßen Rekordhalterin war: Sie hat über mehrere Jahre hinweg jeden Monat eine Biografie erstellt. Sie war dazu in der Lage, weil sie den gesamten Prozess selbstständig durchführen konnte – von der Auswahl der Gesprächspartner über die Durchführung der Interviews bis hin zur weiteren Bearbeitung. Aber das war die einzige Person in diesen 20 Jahren der Existenz des Vereins. Die meisten anderen konnten das nicht leisten. Mehrere haben es versucht und sind bereits beim Transkribieren gescheitert. Sie sagten: „Das ist zu schwer für mich, dieses stundenlange Sitzen.“ Auf diese Weise haben wir zwar etwa 500 Biografien geschaffen, aber ich hatte ursprünglich gedacht, dass es einfacher sein würde.

 Was sich hingegen überraschend gut entwickelt hat, sind die sogenannten Erzählabende. Dabei handelt es sich um ein Format, bei dem man sich in einem geschützten Raum trifft und aus seinem Leben erzählt. Mit diesem Konzept haben wir bereits vor vielen Jahren begonnen – etwa um das Jahr 2009 herum, also vor 15 bis fast 20 Jahren – in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Frankfurt (Oder). Dabei hatten wir großes Glück, denn in dieser Stadtbibliothek entstand – dank der dort tätigen Menschen und der besonderen Atmosphäre des Ortes – genau jener geschützte Raum, den wir für solche Erzählungen brauchten. Es ist sehr bemerkenswert: In diesen 17 Jahren mussten wir ein-, zwei- oder dreimal die Veranstaltungen an anderen Orten durchführen, zum Beispiel in Universitätsräumen oder in anderen Einrichtungen. Und es war absolut nicht dasselbe – wirklich überhaupt nicht vergleichbar. Ein entscheidender Faktor ist die kooperative Haltung der Bibliotheksmitarbeiter. Sie unterstützen diese Abende, obwohl die Bibliothek zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen ist, also außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit. Sie stellen eine große Anzahl von Stühlen bereit – oft bis zu 100 –, richten den Raum ein, kümmern sich um Ankündigungen in der Presse, verteilen Flyer, helfen beim Aufbau von Roll-ups und vielem mehr.

All das ist mit erheblichem Aufwand verbunden – und dennoch tun sie es mit großer Bereitschaft und Engagement Zum Beispiel habe ich auf der polnischen Seite ebenfalls versucht, ein solches Format in einer Bibliothek zu etablieren. Doch das Engagement war dort nicht in gleicher Weise vorhanden. Ich kann mich nicht beklagen – niemand hat ausdrücklich Nein gesagt –, aber ich habe gespürt, dass die kooperative Haltung nicht dieselbe war. In Frankfurt hingegen funktioniert es hervorragend. Wir haben anfangs mit 15 bis 20 Gästen begonnen. Inzwischen haben wir etwa 120 Erzählabende durchgeführt, und heute verfügen wir über rund 50 Stammgäste. Bei manchen Veranstaltungen kommen sogar bis zu 90 Gäste, was für eine Stadt wie Frankfurt (Oder) eine ausgesprochen hohe Beteiligung darstellt. Inzwischen gibt es auch andere Orte, die Interesse zeigen und solche Formate übernehmen möchten. In der kleinen Stadt Wriezen ist in der Bibliothek ebenfalls ein ähnliches Format entstanden und entwickelt sich weiter: Anfangs waren es sechs oder sieben Personen, mittlerweile sind es schon fast 30 Teilnehmer pro Veranstaltung. Das funktioniert also sehr gut – deutlich besser, als ich es ursprünglich erwartet hatte.

Auch das Archiv hat sich als ein großes Potenzial erwiesen. Es umfasst mittlerweile rund 1400 biografische Einträge, darunter etwa 500 ausführliche Biografien. Damit bietet es eine solide Grundlage für Recherchen und wissenschaftliche Arbeiten. Rund um dieses Archiv hat sich – was mich ebenfalls sehr positiv überrascht hat – auf der polnischen Seite ein Kreis von Wissenschaftlern gebildet, die sich mit dem Bereich des biografischen Schreibens, der sogenannten Biografistik, beschäftigen. Sie veröffentlichen Artikel, arbeiten mit den vorhandenen Biografien, analysieren biografische Fragestellungen und organisieren wissenschaftliche Konferenzen. Bisher haben bereits zwei solcher Konferenzen stattgefunden. Diese ganze Initiative ist in dieser Grenzregion – sowohl auf der polnischen als auch auf der deutschen Seite – inzwischen zu einer Art bekannter Institution geworden. Man versucht, sie in verschiedene, gewissermaßen auch offizielle Zusammenhänge einzubinden. So wurden wir beispielsweise eingeladen, im Rahmen der Feierlichkeiten zu „80 Jahre Słubice“ aus den Biografien von Słubicerinnen und Słubicern vorzutragen. Es gibt auch einen Kreis der „Kinder des Krieges“ in Słubice, der sich ebenfalls weiter engagieren möchte und uns bittet, zusätzliche Biografien aufzunehmen und fortzuführen. All das sind sehr erfreuliche Entwicklungen. Ich denke, dass diese Initiative durchaus Potenzial hat und sich in Zukunft weiterentwickeln kann. Letztlich ist jedoch alles eine Frage der personellen Ressourcen – also wie viele Menschen bereit sind, uns zu unterstützen. Und genau das ist schwer vorherzusagen. Es gab in meinem Leben Momente, in denen ich krank war oder persönliche Rückschläge erlitten habe und dachte, ich müsste das Projekt aufgeben. Doch dann kamen plötzlich Menschen und sagten: „Nein, das darf nicht aufgegeben werden.“ Wir werden helfen – und tatsächlich haben Menschen den Verein über längere Zeit hinweg sehr aktiv getragen.

Das Leben geht weiter, die Idee bleibt bestehen. Die Welt wird in vieler Hinsicht rauer, vielleicht auch unsympathischer. Umso mehr hoffen wir, dass diese „My Life“-Idee den Menschen dabei hilft, innere Ruhe zu finden, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und die Identifikation mit ihrer unmittelbaren Heimat zu stärken.

Liebe Frau Yvon, ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie mich zu dieser Erzählung ermutigt und ihren Inhalt durch die Fragen, die Sie mir im Vorfeld gestellt haben, wesentlich mitgeprägt haben.

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